Helfer, die bessere Bedingungen brauchen

Zu diesem Beruf muss man berufen sein: Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter gehen dahin, wo es wehtut, wo Menschen alleine nicht mehr klarkommen. Ob im Jugendamt oder in Schulen, in Altenheimen, in Jugendzentren, im Bereich Streetwork, in Drogenberatungsstellen, Einrichtungen für Obdachlose oder in Gefängnissen: Die Kolleginnen und Kollegen helfen und betreuen, schlichten und beschützen, beugen vor und organisieren. Meinen Sie nicht auch, dass diese Tätigkeit eigentlich unbezahlbar wertvoll ist? Leider ist sie in der Realität aber unterbezahlt – und findet oft unter widrigen Bedingungen statt.

Personalmangel und zu hohe Fallzahlen kennzeichnen den Arbeitsalltag. Sogenannte „Zuständigkeiten“ in dreistelliger Höhe sind keine Seltenheit, also die Verantwortung eines einzelnen Kollegen für 100 und mehr Fälle – und das bei gestiegenen Anforderungen im Bereich der Dokumentation. Jeder Kontakt, ob Besuch oder Telefonat, muss anschließend verschriftlicht werden. Ganz davon zu schweigen, dass hinter einem „Fall“ oft eine ganze Familie steckt, die im Übrigen auch nicht nur ein Problem hat, sondern sich meist in einer sehr komplexen Problemlage befindet. Und dass mit jedem Klienten weitere Personen verbunden sind: Ärzte, Lehrer, Vermieter, Rechtsanwälte, Polizisten…

Die Folgen der Überlastung spüren alle

Die Folgen dieser Überlastung sind vielfältig und betreffen beide Seiten: Die Kolleginnen und Kollegen haben zu wenig Zeit für ihre Klienten, werden krank oder erleiden einen Burn-out. Sie können ihren eigenen Ansprüchen an Diagnostik und fachliche Standards nicht mehr gerecht werden. Das Doppelmandat aus Helfen und Kontrollieren zehrt an den Nerven. Kein Wunder, dass im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), der an die Jugendämter angeschlossen ist, eine hohe Fluktuation herrscht, weil viele Mitarbeiter nach kurzer Zeit den Dienst quittieren. Das aber bedeutet, dass immer wieder neue Kolleginnen und Kollegen eingearbeitet werden müssen, wofür die Zeit fehlt. Ein Teufelskreis.

Aber natürlich schadet es auch den Hilfebedürftigen, wenn Entscheidungen über sie nicht mehr nach persönlichem Kontakt, sondern auf Basis des Urteils Dritter getroffen werden. Aus planvoller, persönlicher, nachhaltiger Betreuung wird akute Notfallhilfe oder, schlimmer noch, Elendsverwaltung vom Schreibtisch aus. Fehlende Erfolgserlebnisse bedeuten Frustration, die Motivation schwindet.

Besonders bitter vor diesem Hintergrund: Es fehlt an Supervision zur Verarbeitung des Erlebten und auch der eigenen Entscheidungen. Wer einen Sorgerechtsentzug anordnen musste oder eine Hilfsmaßnahme nicht bewilligen konnte, streift das schließlich nach Feierabend nicht so einfach ab. Genauso wenig wie verbale oder gar physische Bedrohungen.

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Wachsende Aufgaben, geringe Budgets

Mitte Januar 2018 sorgte der Fall eines quasi unter den Augen der Behörden missbrauchten Jungen im Breisgau für Aufsehen.
Vielleicht erinnern Sie sich auch noch an den Fall der elfjährigen Chantal, die 2012 in Hamburg tot aufgefunden wurde, gestorben an einer Überdosis Methadon bei ihren drogenabhängigen Pflegeeltern? Oder an die zweijährige Berlinerin Zoe, die im selben Jahr an einem Dünndarmriss starb, der eine Folge äußerer Gewaltanwendung war? An den zweijährigen Kevin, der 2006 in Bremen von seinem Ziehvater totgeprügelt wurde?

Leider sind es immer nur die allerschlimmsten Unglücksfälle, die die Aufmerksamkeit von Politik und Gesellschaft auf den Notstand und die permanente Überforderung im sozialen Sektor lenken – und dann meist nur kurze Betroffenheit und Aktionismus bewirken. Hier ein neuer Paragraf, da eine neue Computer-Software. Dabei sind solche Tragödien auch Folgen einer lang anhaltenden Entwicklung: wachsende Aufgaben bei geringer werdenden öffentlichen Budgets. Seit den 1990er-Jahren steht die Sozialarbeit unter zunehmendem Ökonomisierungsdruck. Hinzu kommt, dass präventive Angebote und niedrigschwellige Hilfen wie z.B. Jugendzentren oder Frauenhäuser geschlossen wurden oder ständig um eine ausreichende Finanzierung bangen müssen.


Das Ergebnis: Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind zu „Notfallhelfern“ geworden, die gehetzt zwischen ambulanten Helfern und Behörden jonglieren und am Ende schuld sind, wenn es schiefgeht. Dann heißt es: Die Sozialarbeit hat versagt!

Sozialarbeiter Fakten 1
Foto/Grafik: ver.di
Sozialarbeiter Fakten 2
Foto/Grafik: ver.di
Sozialarbeiter Fakten 3
Foto/Grafik: ver.di

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis? Dann mal los: Der Bedarf an Sozialer Arbeit steigt

Die Verdienstsituation der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter verschärft sich dadurch, dass auch dem Gemeinwohl verpflichtete freie Träger wie die Arbeiterwohlfahrt, die Diakonie oder die Caritas Bedingungen weit unterhalb der Tarifverträge des öffentlichen Dienstes (TVÖD bzw. TVL) bieten. So verlieren diese Tarifverträge ihre Bedeutung als „Leitwährung“, und die prekären Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, besonders bei Teilzeitjobs und befristeten Stellen. So wird auf dem Rücken der Beschäftigten und Adressaten Sozialer Arbeit ein Markt und Wettbewerb zwischen gemeinnützigen Trägern und der öffentlichen Hand um Hilfeleistungen geschaffen. Zusätzlich wird versucht, Aufgaben ins Ehrenamt zu verlagern.

Ein bekanntes Muster: Wo prekäre Beschäftigungsverhältnisse und hohe Arbeitsbelastung zusammenkommen, sinkt der gewerkschaftliche Organisationsgrad – es fehlt schlicht die Kraft zum Protest. Im sozialen Sektor kommt oft noch eine falsch verstandene Solidarität mit den Klienten hinzu: Aus Pflichtbewusstsein und Verantwortung scheuen sich Kolleginnen und Kollegen, ihre Anliegen konsequent, also zur Not durch Streiks, zu vertreten – und setzen ihre Selbstausbeutung fort, bis es nicht mehr geht.

Dabei gibt es allen Grund, jetzt selbstbewusst aufzutreten: Der Bedarf an Sozialarbeiterinnen und -arbeitern steigt stetig. Die deutschen Jugendämter nehmen immer mehr Kinder in Obhut. Mehr als 84 000 waren es im Jahr 2016 – etwa doppelt so viele wie noch 2013 (42 100). Hauptgrund dafür sind laut Statistischem Bundesamt unbegleitete Einreisen aus dem Ausland im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise. Und auch an Schulen wird Sozialarbeit immer wichtiger – im Sinne der Integration, der Inklusion und der Prävention. Auf 100 arbeitssuchende Sozialarbeiter kommen derzeit rund 500 freie Stellen.

Höchste Zeit, dass wir gemeinsam dafür kämpfen, dass Sozialarbeit endlich die Aufwertung erfährt, die sie verdient!

Sozialarbeiter
Foto/Grafik: ver.di

Und so sollte es eigentlich sein

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter haben sich für einen tollen und verantwortungsvollen Beruf entschieden. Das ist gut, denn in Deutschland werden dringend Fachkräfte in der Sozialen Arbeit gebraucht, um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden. Sie haben eine ganz konkrete Motivation: Menschen in Not zu helfen, dafür zu sorgen, dass Hilfebedürftige Auswege aus ihren Problemen finden. Dafür verdienen sie den Respekt der Gesellschaft sowie ein den Anforderungen ihrer Arbeit angemessenes Gehalt. Aber das reicht noch nicht. Sie müssen ihre Profession so ausüben dürfen, wie es fachlichen Standards entspricht. Es kann nicht sein, dass Effizienzstreben und betriebswirtschaftliche Erwägungen über die zu treffenden Maßnahmen entscheiden. Statt die Kolleginnen und Kollegen mit standardisierten Protokollpflichten zu gängeln, sollten die Träger ihrer Kompetenz vertrauen. Zu einer befriedigenden und nachhaltigen Sozialarbeit gehört der Kontakt mit den Klienten, am besten auch in „guten Zeiten“, um Vertrauen aufzubauen. Stolze Kommunikationsmeister statt frustrierte Elendsverwalter – würde sich dieses Berufsbild in der allgemeinen Wahrnehmung durchsetzen, wären Fluktuation und Fachkräftemangel bald behoben, und auch die Klienten würden profitieren.

Was jetzt zu tun ist

Die deutsche Wirtschaft ist stark wie lange nicht, das Bruttoinlandsprodukt ist 2017 kräftig gewachsen. Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung verzeichnen den höchsten Etatüberschuss seit der Wiedervereinigung, zusammen 38 Milliarden Euro. Dies muss sich endlich auch in höheren Entgelten und besseren Arbeitsbedingungen für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter niederschlagen! Denn Geld ist genug da!

Dazu gehört zuallererst die Beseitigung des Personalmangels in vielen öffentlichen Einrichtungen sowie in denen der freien Träger und Wohlfahrtsverbände. Es müssen also Kolleginnen und Kollegen eingestellt werden, und zwar nach Tarif bezahlt und nicht sachgrundlos befristet.

Im nächsten Schritt muss die Zahl der Fälle, die eine Fachkraft zu betreuen hat, begrenzt werden. Nur so kann die Arbeit qualitativ verbessert und zumutbar gestaltet werden. Dazu gehören auch regelmäßige Supervisionsangebote, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung und den Fachkräften und weniger Gängelung durch standardisierte Protokoll-Pflichten.

Und schließlich gilt es, perspektivisch den Fachkräftemangel zu beheben – indem Studienplatzkapazitäten ausgebaut statt abgebaut werden und die Soziale Arbeit durch bessere Bedingungen und Bezahlung für künftige Absolventinnen und Absolventen wieder attraktiver gemacht wird.

Was ver.di gemeinsam mit den Mitgliedern tun kann

Gute Arbeit braucht gute Arbeitsbedingungen! Bei ver.di verknüpfen wir berufsfachliche Arbeit mit gewerkschaftlichen Themen, denn qualifizierte Arbeit können die Beschäftigte nur mit entsprechenden Rahmen- und Arbeitsbedingungen leisten. Der Druck auf die Beschäftigten wird immer höher, die Aufwertung der Berufe muss weitergehen, egal ob bei Erzieherinnen und Erziehern, den Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen oder andere im Sozial- und Erziehungsdienst tätige Kolleginnen und Kollegen. Sie brauchen mehr Lohn, mehr Anerkennung und Entlastung! Bei Arbeitsüberlastung, Arbeitsverdichtung und Stress ist die Anzeige der Überlastung gegenüber dem Arbeitgeber eine notwendige Maßnahme zum Selbstschutz der Beschäftigten. Sie dient auch der Absicherung z. B. bei strafrechtlicher Verfolgung im Falle von Kindeswohlgefährdung. ver.di hat für Leitungen in Tageseinrichtungen, (sozial-)pädagogische Fachkräfte und Erzieherinnen und Erzieher an Schulen solche Überlastungsanzeigen entwickelt; sie stehen im Mitgliedernetz zum Download bereit. Sie sollen auch als Vorlage für andere Arbeitsfelder dienen und können leicht abgewandelt werden.
Zum Mitgliedernetz

In puncto Fallzahlen mischt ver.di sich ebenfalls ein und fordert eine gesetzliche Obergrenze im Allgemeinen und Kommunalen Sozialen Dienst (ASD/KSD) von 28 Fällen pro Vollzeitkraft. Diese Positionierung beruht auf Rückmeldungen von ver.di-Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Republik.

Seit 2015 läuft unsere Kampagne zur Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe. In der damaligen Tarifauseinandersetzung konnten wir nicht alle unsere materiellen Ziele durchsetzen – aber wir haben das Thema ins Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt und die Notwendigkeit grundlegender Neubewertungen dargelegt.

Was wir schon erreicht haben – und wie es weitergeht

Die Tarifrunde 2016 brachte eine gestufte Entgelterhöhung: Zum 1.3.2016 wurden die Entgelte um 2,4 Prozent sowie zum 1.2.2017 um weitere 2,35 Prozent erhöht.
Die Entgelte für Praktikantinnen und Praktikanten wurden ebenfalls in zwei Stufen um insgesamt 65 Euro erhöht.

Weiter ist es ver.di gelungen, die von den Arbeitgebern eingebrachte Kürzung der Leistungen der Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst (Betriebsrente) abzuwehren. Beispiel: Eine Erzieherin im Alter von 43 Jahren, seit 19 Jahren im öffentlichen Dienst beschäftigt, hat bei Renteneintritt mit 67 Jahren neben der gesetzlichen Rente einen Anspruch aus der Zusatzversorgung in Höhe von ca. 800 Euro.

Auch von der kommenden Tarifrunde 2018 profitieren wieder all jene Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, für die der TVöD gilt. Dies ist dann der Fall, wenn sie in einer Einrichtung beschäftigt sind, die von einem kommunalen Träger betrieben wird, der Mitglied eines kommunalen Arbeitgeberverbandes und damit der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) ist.

Für Kolleginnen und Kollegen, die in Einrichtungen eines kirchlichen Trägers oder eines Wohlfahrtsverbands beschäftigt sind, gelten andere, zum Teil erheblich nach unten abweichende Regelungen. Der TVöD ist aber auch für sie wichtig, denn wir verstehen ihn als die Leitwährung der Arbeitsbedingungen in diesem Arbeitsfeld und fordern von den anderen Arbeitgebern analoge Regelungen oder den Abschluss eines Anwendungstarifvertrages.

Um diesen Forderungen noch mehr Gehör zu verschaffen, brauchen wir Sie als Mitglied!

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