Arbeitsvermittlung ist harte Arbeit

Arbeitssuchende in Arbeit bringen – das ist die Kernaufgabe von Jobvermittlern. Aber haben Sie auch manchmal das Gefühl, dass es darum im aufreibenden Behördenalltag nur noch am Rande geht? Dass die enge Zeittaktung und die ausufernde Bürokratie es unmöglich machen, sich intensiv mit seinen Kunden zu beschäftigen und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen? Dass es schwer ist, sich wirklich auf die Probleme der arbeitslosen Bürger einzulassen, wenn die Uhr tickt?

Wie viele Menschen betreuen Sie denn so?

Wie in vielen Bereichen des öffentlichen Dienstes ist auch in den Arbeitsagenturen und kommunalen Jobcentern die Situation bestimmt von Unterfinanzierung und Unterbesetzung. Der Richtwert für den Personalschlüssel steht oft nur auf dem Papier: Offiziell soll sich eine Vermittlungskraft um rund 150 Hartz-IV-Empfänger kümmern – in der Realität sind es häufig 300 Hartz-IV-Empfänger und mehr. Das bedeutet eine chronische Überlastung der Kolleginnen und Kollegen, die wiederum irgendwann zu emotionaler Erschöpfung und Burn-out führt.

Die Zielvorgaben bei den Bearbeitungsquoten und -zeiten sind hoch. So gelten im Empfangsbereich der Arbeitsagentur Hamburg-Mitte 60 Sekunden als Richtwert zur „Kundensortierung“. Nicht lange rumdiskutieren, lautet da die Devise – Einzelschicksale müssen im Minutentakt wie am Fließband abgearbeitet werden. Solche Vorgaben lassen außer Acht, dass gerade die Kolleginnen und Kollegen mit direktem Kundenkontakt permanent mit existenziellen Notlagen konfrontiert sind, dementsprechend auch mit Frustration, Wut, Aggression und teilweise Gewalt.

Und sie führen dazu, dass im Zweifel schnelle Maßnahmen (z. B. Schulungen) für die Arbeitssuchenden ergriffen werden, die die Bilanz besser aussehen lassen, aber nicht unbedingt langfristige, nachhaltige Erfolge bringen. Ein Teufelskreis, denn die Arbeitssuchenden stehen kurze Zeit später wieder vor dem Schreibtisch. Die komplizierte Bürokratie bringt es außerdem mit sich, dass viele Kolleginnen und Kollegen Angst haben, frei zu entscheiden, Fehler zu machen und verklagt zu werden. Diese erzwungene Art der Aufgabenerledigung steht im Widerspruch zu ihren Ansprüchen an sich selbst.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Arbeitsbedingungen der Arbeitsvermittler selbst ungleich sind: Etwa zwei Drittel sind zu besseren Konditionen bei der Bundesagentur für Arbeit angestellt, etwa ein Drittel bei den Kommunen. Die Unterschiede liegen bei bis zu 400 Euro brutto im Monat. Das führt ebenso zu Unzufriedenheit wie der Umstand, dass aufgrund der Zuständigkeit die Personalräte der Jobcenter an vielen Verfahrensfragen nicht beteiligt werden, sondern Entscheidungen vom Hauptpersonalrat der BA getroffen werden. Dies nehmen einige als Fremdbestimmung wahr.

Arbeitsvermittler mit unzureichenden Arbeitsbedingungen treffen auf frustrierte Jobsuchende in persönlichen Krisenlagen – eine fatale Kombination. So darf es nicht weitergehen!

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Am Anfang stand eine gute Idee

Als zwischen 2003 und 2006 die Vorschläge der Hartz-Kommission umgesetzt wurden, stand dahinter das Ziel, den Sozialstaat moderner und die Arbeitsvermittlung effizienter zu gestalten. An die Stelle kompliziert zu berechnender Leistungen für Sozialhilfeempfänger sollte eine Pauschale (von derzeit 409 Euro für Alleinstehende) treten, in der alles enthalten sein sollte.

„Fördern und fordern“ hieß damals die Devise der Reformer; das heute als Hartz IV bekannte Arbeitslosengeld II sollte Grundsicherung und Auffangnetz sein, aus dem die Betroffenen sich schnell wieder würden befreien können. Und kein Synonym für gesellschaftliches „Abgehängt sein“.

Jobcenter Fakten 1
Foto/Grafik: ver.di
Jobcenter Fakten 2
Foto/Grafik: ver.di
Jobcenter Fakten 3
Foto/Grafik: ver.di

Das Hartz-IV-System ist zum Bürokratiemonster geworden

Stattdessen ist das Hartz-IV-System selbst zu einem Bürokratiemonster geworden. Ursprünglich sollten etwa 12 000 der knapp 60 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jobcentern die Leistungsansprüche der mehr als sechs Millionen Arbeitslosengeld-II-Empfänger ausrechnen. Jetzt sind etwa 30 000 damit beschäftigt. Zwei von drei Bescheiden umfassen mehr als 20 Seiten, manche bis zu 200. Die durchschnittliche Akte eines Hartz-IV-Haushalts ist etwa 650 Seiten dick, es gibt Regelkataloge, die jede Eventualität genau behandeln.

Diese Komplexität hat nicht nur ungeheuren Arbeitsaufwand für die Kolleginnen und Kollegen in den Leistungsabteilungen zur Folge, sondern auch Misstrauen auf Seiten der Kunden, weil keiner genau weiß, was ihm eigentlich zusteht. Folglich vermuten viele Willkür hinter den Entscheidungen und fechten die bewilligten Leistungen oder auch verhängte Sanktionen an: 640 000 Widersprüche und 115 000 Klagen gab es allein im Jahr 2016 bei 25 Millionen Bescheiden. Das alles bindet Personal, das eigentlich gebraucht würde, um sich individuell um die Arbeitssuchenden und Hartz-IV-Empfänger zu kümmern („fördern“).

Und schließlich führt die Unterfinanzierung der Arbeitsagenturen und Jobcenter dazu, dass jedes Jahr etliche Millionen, die eigentlich fürs Qualifizieren von Arbeitslosen vorgesehen sind, zweckentfremdet dafür verwendet werden, Personal- und Mietkosten zu decken. Ein unhaltbarer Zustand, der schleunigst beendet werden muss.

Es ist eine politische Entscheidung, Hartz IV auf dem untersten Level festzulegen, der keinen oder geringen Entscheidungsspielraum für die Beschäftigten lässt, statt Spielraum für das zu geben, was erforderlich ist, um die Menschen zu unterstützen.

Jobcenter
Foto/Grafik: ver.di

Und so sollte es eigentlich sein

Es ist der Wunsch, Menschen in einer schwierigen Situation zu helfen, der unsere Kolleginnen und Kollegen antreibt. Sie wollen Arbeitssuchenden neue berufliche Perspektiven bieten, ihnen helfen, wieder ihren Rhythmus zu finden, und ihnen in der Zwischenzeit das Nötigste zum Leben geben, indem sie Geld für Lebensmittel, Kleidung und Miete überweisen. In diesem Sinne sollten sie ein offenes Ohr für ihre Kunden haben können, auch für Probleme abseits der Jobsuche. Für diese verantwortungsvolle Aufgabe, die den sozialen Frieden in unserem Land sichert, müssen die Kolleginnen und Kollegen ein faires und gleiches Gehalt bekommen sowie gute, zeitgemäße Arbeitsbedingungen. Arbeitsagenturen und Jobcenter sollten Orte sein, die keiner mit Bauchschmerzen aufsucht – weder die Angestellten noch die Kunden. Dazu bedarf es regelmäßiger Supervision für die Angestellten, um die Schicksale und Probleme der Arbeitssuchenden besser verarbeiten zu können. Und die Arbeitnehmer müssen stärker in die Gestaltung der Abläufe involviert werden, um ihre Aufgaben motiviert umsetzen zu können. Zur Zukunft der Arbeitsvermittlung sollte auch gehören, dass digitale Assistenten den Arbeitsvermittlern dabei helfen, mehr Jobangebote schneller auszuwerten. Künftig können nicht nur Arbeitssuchende, sondern auch Arbeitnehmer in die Agenturen kommen, um sich bei Job-Coaches über mögliche Qualifizierungsmaßnahmen zu informieren – Stichwort Lebensbegleitende Berufsberatung.

Was jetzt zu tun ist

Die Ungleichheit zwischen den Beschäftigten gehört abgeschafft, wir brauchen einheitliche Tarifgruppen. Befristete Arbeitsverhältnisse müssen reduziert bzw. in unbefristete umgewandelt werden, auch um ständiges zeitraubendes Einarbeiten neuer Kolleginnen und Kollegen zu vermeiden.

Außerdem müssen Überstunden abgebaut werden, damit sich der Krankenstand reduziert. Es kann nicht sein, dass Menschen, die andere in gute Arbeit vermitteln sollen, selbst unter prekären Bedingungen arbeiten. Für die Angestellten muss es regelmäßige Supervision und Schulungen geben, z. B. Konflikttraining, Gesprächsführungstraining, Deeskalationstraining und Anti-Stress-Workshops.

Insbesondere in Brennpunktbezirken muss die Sicherheitslage der Angestellten verbessert werden, etwa durch untereinander verbundene Räume mit nicht nur einer Tür nach draußen. Vorschriften müssen abgebaut werden, die Umstellung auf die eAkte muss konsequent weiter umgesetzt werden.

Die Angestellten müssen mehr Zeit bekommen, sich wirklich auf die Kunden einzulassen, um ihnen die Rückkehr ins Arbeitsleben zu ermöglichen. Es sollte nicht in erster Linie darum gehen, dass die Statistiken gut aussehen, sondern um Nachhaltigkeit. Das bedeutet, Menschen nicht von einer Maßnahme in die nächste zu schicken, nicht den nächstmöglichen Job zu vermitteln, sondern den bestmöglichen.

Es gilt, den Kolleginnen und Kollegen mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten in Bezug auf das eigene Einsatzgebiet und die Arbeitsabläufe zu verschaffen, zugunsten von mehr Abwechslung und mehr persönlicher Weiterentwicklung. Es geht um bessere Kommunikation von unten nach oben, und darum, auf die Basis zu hören.

Was ver.di gemeinsam mit den Mitgliedern tun kann

Wir ver­tre­ten Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus der Bun­de­s­agen­tur für Ar­beit und aus den Job­cen­tern gleichermaßen. Wir ge­stal­ten die Ar­beits- und Ein­kom­mens­be­din­gun­gen in der BA und den Job­cen­tern mit­tels Ta­rif­ver­trä­gen und Dienst­ver­ein­ba­run­gen mit. Un­se­re Bun­des­fach­grup­pe mischt sich ein, nimmt Stel­lung und steht in en­gem Kon­takt mit den Ver­tre­tern der Selbst­ver­wal­tung der BA und den Ver­tre­ter­ver­samm­lun­gen der Job­cen­ter. Hier geht es uns besonders um eine Stärkung der Basis, was die Mitgestaltung der Arbeitsabläufe angeht.

Seit Jahren kämpfen wir für die Angleichung der Entgelte zwischen kommunalen und BA-Beschäftigten. Hierzu setzen wir uns auf kommunaler Ebene für realisierbare Lösungen ein; auf Bundesebene wird früher oder später aber nur ein einheitlicher Tarifvertrag für die Jobcenter-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter die Grundlage für eine gleiche Bezahlung bieten. Dafür ist es zwingend notwendig, dass sich die Beschäftigten gewerkschaftlich organisieren, denn Tarifverhandlungen werden nur von den Tarifvertragsparteien geführt. Dass diese Baustelle noch immer nicht geschlossen ist, ist ein Skandal – gegen den wir gemeinsam angehen sollten!

Was wir schon erreicht haben – und was wir noch erreichen wollen

Von der allgemeinen Tariferhöhung in der letzten ÖD-Runde haben sowohl BA-Beschäftigte als auch kommunale Beschäftigte profitiert – wenn auch Letztere wegen der Absenkung der Jahressonderzahlung und der Erhöhung des Anteils an der VBL in geringerem Maße.

Erreicht haben wir eine Anpassung der Jahressonderzahlung für die Beschäftigten und die Nachwuchskräfte der BA im Tarifgebiet Ost in fünf Schritten bis 2020 auf das Niveau des Tarifgebiets West.

Auch in der Tarifrunde 2018 werden wir uns für eine allgemeine Tariferhöhung stark machen.

Damit wir noch mehr erreichen, brauchen wir Sie. Jetzt Mitglied werden!

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