Retter, die für die Gesellschaft ins Risiko gehen

Die berühmte Katze im Baum gehört zu den harmlosen Fällen: Feuerwehrleute löschen Fahrzeug-, Gebäude- und Waldbrände, bergen Unfallopfer, sind im Rettungsdienst eingesetzt, pumpen vollgelaufene Keller leer, leisten technische Hilfe und Informationsarbeit. Und das ist nur ein kleiner Auszug aus Ihrem Qualifikationsprofil. Mit Motorsägen müssen Sie und Ihre Kollegen genauso umgehen können wie mit Infrarotsensoren und Medikamenten. Die Zahl der Einsätze ist bei gleichbleibender Personaldecke deutlich gestiegen und das Anforderungsprofil ist vielfältiger geworden – aber haben Sie auch das Gefühl, dass sich das in Ihrer Entlohnung und Ihren Arbeitsbedingungen nur unzureichend widerspiegelt?

Zu geringe Personalausstattung und Nachwuchsmangel gehören genauso zum Alltag unserer Kolleginnen und Kollegen wie fordernde Schicht- und Nachtarbeit, Arbeits- und Rufbereitschaft. Bei den Einsätzen können sich die Retter nicht nur Verbrennungen und andere Verletzungen zuziehen – aktuelle Untersuchungen belegen zudem, dass Feuerwehrleute trotz Atemschutz einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt sind. Nicht selten haben sie nach dramatischen Einsätzen auch mit psychischen Belastungen zu kämpfen; ohnehin ist dem anspruchsvollen Job eine niedrigere Altersgrenze gesetzt als anderen Berufen.

Schlechte Bedingungen für einen harten Job

Doch nicht nur der fordernde Job macht den Kolleginnen und Kollegen zu schaffen; Rettungskräfte (Feuerwehr und Rettungsdienst) sind zusätzlich bei ihren Einsätzen immer häufiger Angriffen ausgesetzt. In der letzten Silvesternacht verzeichnete die Feuerwehr Berlin bei fast 1 600 Einsätzen acht Angriffe auf Einsatzkräfte und 57 Angriffe auf Einsatzfahrzeuge. Doch auch an „normalen“ Tagen häufen sich Angriffe und Gewalt. Fast alle medizinischen Rettungskräfte sind schon mindestens einmal verbaler Gewalt ausgesetzt gewesen. Mehr als die Hälfte waren Opfer eines gewalttätigen Übergriffs.



Und sie haben mit strukturellen Problemen zu kämpfen. Die schlechte Finanzausstattung der Kommunen schlägt auch auf die Feuerwehren durch und zeigt sich bei teilweise veralteter Ausstattung. Das betrifft sowohl die Gerätschaften und den Fahrzeugpark als auch die Gebäude der Feuerwachen. Wenn aber Schlaf- und Aufenthaltsräume sowie Duschen marode sind, ist das keine Frage des Komforts, sondern beeinträchtigt die Arbeitsfähigkeit und die Möglichkeit zur zwingend erforderlichen Dekontamination nach Einsätzen.

Aufgrund des Personalmangels können außerdem wichtige Fort- und Weiterbildungen nicht durchgeführt werden; durch die allgemeine Überlastung steigt der Krankenstand. Entsprechend gibt es weniger besetzte Fahrzeuge. Und dann sind da noch die vielen Umstrukturierungen, die nicht funktionieren, weil die Mitarbeiter bzw. die Arbeitnehmervertreter nicht mit einbezogen werden. Über ihre Köpfe hinweg werden teilweise unsinnige Maßnahmen beschlossen, die man in Vorab-Gesprächen als unpraktikabel hätte entlarven können. Darunter leiden auch die Moral und die Motivation.

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Wenn’s brennt, kommt die Feuerwehr – so einfach ist das nicht

Wenn es brennt, kommt die Feuerwehr – diese schlichte Erwartungshaltung von Politik und Gesellschaft ist Ihnen sicher auch vertraut. Es wird einfach vorausgesetzt, dass die Rettungskräfte schnell und reibungslos funktionieren. Mit den strukturellen und finanziellen Problemen aber will sich keiner beschäftigen. Erst wenn Menschen zu Schaden kommen, ändert sich etwas. Das muss aufhören.



Politiker müssen verstehen, dass Feuerwehren keine Profit-Center sind und Image-Kampagnen nicht ausreichen. Ein Grundübel ist das Missverhältnis von steigenden Einsatzzahlen und sinkenden Personalressourcen. Dies gilt es abzustellen und anzuerkennen, dass gerade in der Notfallrettung der Bedarf seit vielen Jahren konstant wächst. Das hat auch mit der demografischen Entwicklung unserer – immer älter und damit krankheitsanfälliger werdenden – Gesellschaft zu tun. Hier müssen Bund, Länder und Kommunen mit Gesundheitswesen und Feuerwehren gemeinsam Konzepte entwickeln und mehr Mittel bereitstellen, wenn die Kapazitätsgrenzen nicht überschritten werden sollen.

Feuerwehr Grafik 1
Foto/Grafik: ver.di
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Foto/Grafik: ver.di
Feuerwehr Grafik 3
Foto/Grafik: ver.di

Mehrjährige Berufserfahrung, aber Einstiegsgehalt 900 Euro


Ein weiteres Problem der Branche ist der Nachwuchsmangel, der sich allerdings nur allzu gut verstehen lässt. Schon der Berufseinstieg fordert angehenden Feuerwehrleuten einiges ab: Um bei der Feuerwehr anzufangen, benötigt man eine abgeschlossene Ausbildung (Handwerk oder kaufmännisch), es folgt ein körperlich-medizinischer Eignungstest und erst dann die eigentliche, bis zu 24-monatige Feuerwehrausbildung. Beamtenanwärterinnen und -anwärter müssen aber zum Teil mit 900 Euro pro Monat auskommen, trotz teilweise schon mehrjähriger Berufserfahrung im vorherigen Job. Damit lässt sich in Ballungszentren kaum die Miete bezahlen, geschweige denn der Lebensunterhalt bestreiten.

Feuerwehr
Foto/Grafik: ver.di

Und so sollte es eigentlich sein

Feuerwehrleute haben eine entscheidende Motivation: Gutes tun. Sie helfen Menschen in Not – egal, wer sie sind, woher sie kommen oder was sie denken. Damit tragen sie zum Zusammenhalt in unserer auseinanderdriftenden Gesellschaft bei und stärken das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die rechtsstaatliche Ordnung. Damit sie ihren Job machen können, brauchen sie modernes Gerät, das zuverlässig läuft, und regelmäßige Schulungen, auch im Umgang mit Schadstoffen und neuen Techniken wie Rettungsdrohnen oder Augmented-Reality-Brillen. In den Wachen muss es Aufenthalts- und Schlafräume geben, in denen sich die Feuerwehrleute nach physisch und psychisch anstrengenden Einsätzen erholen können. Und natürlich gehört auch eine faire Bezahlung dazu, die die vielen Belastungen für Leib und Leben widerspiegelt. Damit das alles keine Wunschvorstellung bleibt, brauchen wir Sie. Denn nur gemeinsam können wir Veränderungen bewirken.

Was jetzt zu tun ist

Zuallererst muss der gestiegenen Arbeitsbelastung mit einer Personalaufstockung Rechnung getragenen werden. Nur so können alle Einsatzfahrzeuge besetzt werden, nur so werden sich auch der hohe Krankenstand reduzieren und die Überstundenberge abtragen lassen. 



Um die Kolleginnen und Kollegen besser zu schützen, muss über eine neue Form der Einsatzhygiene nachgedacht werden, die bereits an der Einsatzstelle beginnt und ihre Fortsetzung in den Wachen findet, wo konsequent die Schwarz-Weiß-Trennung umgesetzt werden muss, also die Trennung von Einsatz- und Sozialbereich zur Vermeidung der Schadstoff-Verschleppung. Bieten alte Gerätehäuser diese Möglichkeit nicht, müssen bauliche Maßnahmen ergriffen werden, denn Gesundheit geht vor.


Können Sie sich an die letzte Anhebung der Feuerwehrzulage erinnern? Nein? Kein Wunder, die ist 20 Jahre her. Hier herrscht im Sinne einer gerechteren Bezahlung akuter Handlungsbedarf. Schließlich soll die Zulage einen Ausgleich für die Risiken schaffen, denen diejenigen ausgesetzt sind, die direkt einen Brand- bzw. Katastrophenfall bekämpfen. Doch sie ist zum Teil in den Ländern (Beamte) und bei den Tarifbeschäftigten seit 1998 nicht angepasst worden. Sie beträgt 63,69 Euro nach einem Jahr Beschäftigungszeit und 127,38 Euro nach zwei Jahren. Das bedeutet eine Entwertung des Ausgleichszwecks. Legt man die Entgeltsteigerungen von 38,05 Prozent seit 1998 zugrunde, müsste die Feuerwehrzulage angepasst inzwischen bei 87,93 Euro bzw. 175,85 Euro liegen.



Karriereanreize schaffen, Nachwuchs anlocken


Generell ist für mehr Karriereanreize zu sorgen, etwa für bessere Möglichkeiten, in Fortbildungen Spezialqualifikationen zu erwerben. Die müssen sich dann natürlich auch finanziell auswirken. Die Laufbahnen sollten durchlässiger gestaltet werden, damit Aufstiege zur Regel werden und nicht die Ausnahme bleiben. Es braucht einen leichteren Zugang zum Beruf, um mehr Nachwuchs anzulocken. Und es müssen endlich Strukturen geschaffen werden, in denen die Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit haben, ihren Arbeitsplatz mitzugestalten und bei Veränderungen der Strukturen gehört zu werden.

Was ver.di gemeinsam mit den Mitgliedern tun kann

In der über 100-jährigen Geschichte der Feuerwehrgewerkschaft – vom Verband Deutscher Berufsfeuerwehrmänner zur Fachgruppe Feuerwehr in ver.di – hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, die Belange eines Berufsstands, der für viele Menschen eine fremde, teilweise romantisch verklärte Welt darstellt, in organisierter Form zu vertreten. Dazu braucht es eine Vertretung, die die beruflichen Interessen artikuliert, und eine finanz- und kampfkräftige Gewerkschaft, die tarifliche Forderungen aufstellt und durchsetzt (und schließlich auch die Übertragung auf den Beamtenbereich einfordert).



Für ein Prozent ihres Bruttoverdienstes erhalten ver.di-Mitglieder vernünftige Tarifverträge, Besoldungserhöhungen und gute Serviceleistungen wie etwa qualifizierte Rechtsberatung und wirksamen Rechtsschutz. Wir gestalten die Arbeitsbedingungen unserer Mitglieder aktiv mit, sprich: Wir mischen uns ein bei Themen wie Arbeitszeit, Dienstpläne, Schutzkleidung, Stellenpläne, Eingruppierungen u. v. m. Bei den kommunalen Feuerwehren ist ver.di die Organisation mit den meisten Mitgliedern – und auf jedes einzelne kommt es an!

Was wir schon erreicht haben und wie es weitergeht

Die Tarifrunde 2016 (Bund und Kommunen) hat eine gestufte Entgelterhöhung gebracht: Zum 1.3.2016 wurden die Entgelte um 2,4 Prozent sowie zum 1.2.2017 um weitere 2,35 Prozent erhöht. Für viele Beschäftigte, die hauptamtlich im kommunalen feuerwehrtechnischen Dienst arbeiten, konnten wir außerdem verbesserte Eingruppierungen, also mehr Gehalt, durchsetzen, z. B.: Entgeltgruppe 7 für Einsteiger / Berufsanfänger / Einsatzkräfte / Truppmann bzw. Truppfrau; Entgeltgruppe 8 für Truppführerinnen und Truppführer; Entgeltgruppe 9a für Staffelführerinnen und Staffelführer.

In puncto Krebsrisiko kooperiert ver.di mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), erstellt Präventions- und Einsatzhygienekonzepte und drängt auf eine Verbesserung der Schutzausrüstung. Außerdem erinnern wir die Arbeitgeber an ihre Pflicht, Belastungen durch Gefahrstoffe zu dokumentieren. Denn durch ausreichende Dokumentation kann bei Erkrankungen der Nachweis geführt werden, dass sie berufsbedingt sind – und nur dann stehen dem betroffenen Versicherten die gesetzlichen Leistungen zu.



Auch auf europäischer Ebene setzen wir uns für bessere PSA (Persönliche Schutzausrüstung) ein, wollen die Berücksichtigung der speziellen Krebsrisiken in der EU-Richtlinie erreichen und die besonderen Arbeitszeitbelange in der EU-Arbeitszeitrichtlinie berücksichtigt sehen. 



Der Weg ist lang und nicht immer eben – umso wichtiger ist es, dass wir ihn gemeinsam gehen!

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