Im Dauereinsatz für die Kleinen

Alle freuen sich schon auf den Kita-Ausflug. Alle? Nein, Mia weigert sich, Jacke und Gummistiefel anzuziehen. Ella will auch nicht mit rausgehen, sie fängt demonstrativ zu basteln an. Inzwischen hat Theo den kleinen Finn gehauen, und der weint bitterlich… Nur ein kurzer Auszug aus dem Arbeitsalltag von Erzieherinnen und Erziehern, die mal Motivatoren, mal Schlichter, mal Tröster, mal Helfer sein müssen. Natürlich kann das sehr erfüllend sein – aber auch anstrengend, besonders wenn man nicht zwei oder drei, sondern gleich zehn Kinder beaufsichtigen muss. Das kommt Ihnen bekannt vor? Personelle Unterbesetzung bzw. zu viele Betreuungsfälle pro Fachkraft sind ein verbreitetes Problem in der deutschen Krippenlandschaft.

Zwar gibt es starke regionale Unterschiede, weil die Betreuungsschlüssel in den Landes-Kita-Gesetzen variieren – Erzieherinnen und Erzieher in Ostdeutschland etwa haben durchschnittlich mehr Kinder zu betreuen als im Westen. Generell lässt sich aber feststellen, dass die Quote nicht ausreichend bemessen ist – wenn sie denn überhaupt eingehalten wird. Der in einer Studie der Bertelsmann Stiftung empfohlene Schlüssel von 1:3 in Krippen und 1:7,5 in Kindergärten wird kaum irgendwo erreicht. Die Folgen: Die Kolleginnen und Kollegen haben zu wenig Zeit für die Kinder, machen keine oder verkürzte Pausen, es fehlt die Zeit für Vor- und Nachbereitung im Team, für Dokumentation und Elternarbeit. Und auch die Lärmbelastung steigt mit der Gruppengröße. All das führt zu massiver Überlastung des Personals und zu einem hohen Krankenstand, und schmälert die Aussicht, gesund das Rentenalter zu erreichen.

Gestiegene Anforderungen, schlechte Bezahlung

Gleichzeitig sind die Anforderungen an den Beruf und die Erwartungen der Eltern in den vergangenen Jahren extrem gestiegen: Der Betreuungsschlüssel ist zu hoch, das heißt, zu viele Kinder werden von einer Fachkraft betreut. Zudem bleiben die Kinder immer länger in der Kita, manche bis zu zehn Stunden am Tag. Trotzdem sollen auf individuelle Bedürfnisse zugeschnittene Bildungsangebote gemacht werden, zugewanderte Kinder gefördert, die Inklusion von Kindern mit Behinderung vorangetrieben werden. Das Repertoire der Kolleginnen und Kollegen reicht von Windeln wechseln bis hin zu anspruchsvoller pädagogischer Früherziehung.

So komplex und verantwortungsvoll dieser Beruf ist, so unbefriedigend ist die Bezahlung. Das Einstiegsgehalt beträgt 2 580 Euro brutto im Monat, nach fünf Jahren bekommen Erzieherinnen und Erzieher gerade mal 3 030 Euro – wenn sie nach Tarif (TVÖD-SuE) bezahlt werden. Kirchliche Träger, wie Diakonie und Caritas und auch die großen gemeinnützigen Träger wie das Rote Kreuz, die AWO oder die Lebenshilfe liegen oft darunter. Tatsächlich aber bekommen viele Kolleginnen und Kollegen noch weniger, weil sie in Teilzeit arbeiten, freiwillig oder nicht. Trotz flächendeckendem Fachkräftemangel gibt es vielerorts noch eine Befristungspraxis bei Arbeitsverträgen, die stärker ausgeprägt ist als in anderen Branchen. Bei diesen Lohnbedingungen in Großstädten eine Familie zu ernähren, ist nur schwer möglich.

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Wachsender Bedarf trifft auf Fachkräftemangel

Seit auch Kinder unter drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz haben und die Ganztagsbetreuung an Grundschulen als politisches Ziel ausgegeben wurde, werden Erzieherinnen und Erzieher in stark zunehmender Zahl gebraucht. Immer mehr Eltern fragen für immer mehr Kinder immer früher und länger einen Platz in Kita oder Tagespflege nach – verbunden mit einem zunehmenden Anspruchsdenken, in dem die Erzieherinnen und Erzieher ganz modern als Dienstleister gesehen werden.

Dieser Wandel steht allerdings im krassen Gegensatz zur überkommenen Einschätzung des Erzieherberufs, der häufig immer noch mit „einem bisschen Spielen, Vorlesen und Basteln“ gleichgesetzt wird. Kindertagesstätten sind heute Institutionen professioneller frühkindlicher Bildung. Zu wenig wurde getan, um die Arbeitsbedingungen und die Einkommen den veränderten Voraussetzungen anzupassen. Daraus resultiert nicht nur die heutige Überlastungssituation der Kolleginnen und Kollegen, sondern auch eine insgesamt verbesserungsbedürftige Attraktivität des Berufs, was zu einem echten Nachwuchsproblem führt.

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung fehlen bei Berücksichtigung angemessener Betreuungsschlüssel bereits heute 107 200 Vollzeitstellen in Kindergärten, Tagesstätten und Horten; das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat bei der Berechnung des künftigen Ressourcenbedarfs in der frühkindlichen Bildung und Betreuung ermittelt, dass bis zum Jahr 2025 bis zu 1,2 Millionen Kitaplätze und über 300 000 Fachkräfte zusätzlich fehlen, wenn sich nicht grundlegend etwas ändert.

Fakten Erzieher 1
Foto/Grafik: ver.di
Fakten Erzieher 2
Foto/Grafik: ver.di
Fakten Erzieher 3
Foto/Grafik: ver.di

Die Ausbildung ist lang und finanziell unattraktiv

Dass viele Kitaleitungen schon jetzt über unbesetzte Stellen klagen, für die es keine Bewerber gebe, liegt auch an der langen und finanziell unattraktiv gestalteten Ausbildung: Angehende Erzieherinnen und Erzieher lernen nach dem mittleren Schulabschluss in der Regel fünf Jahre lang. Sie absolvieren eine schulische Ausbildung zur Sozialassistenz oder Kinderpflege, danach eine meist dreijährige Fachschule. Das Problem: Während der Ausbildung verdient man die meiste Zeit nichts, vielfach kostet sie sogar. Gut die Hälfte aller Erzieherfachschulen ist privat, dort ist oft Schulgeld zu zahlen. 700 Euro und mehr können es pro Schuljahr sein.

Kein Wunder, dass viele die Ausbildung nicht zu Ende bringen: 42 Prozent der angehenden Kinderpflegerinnen und -pfleger und 15 Prozent der Sozialassistentinnen und –assistenten schließen schon den ersten Teil nicht ab, an der Erzieherfachschule bleiben weitere acht Prozent auf der Strecke. An diesen Zahlen muss sich dringend etwas ändern!

Erzieher
Foto/Grafik: ver.di

Und so sollte es eigentlich sein

Erzieherinnen und Erzieher sind qualifizierte Pädagoginnen und Pädagogen. Sie haben sich für ihren Beruf entschieden, weil Sie Erfüllung darin finden, die Kleinen in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen. Dass Ihnen das im Zweifel mehr bedeutet als Geld, ist ehrenwert, darf aber nicht zu Selbstausbeutung führen. Es muss ein gesellschaftlicher Konsens darüber hergestellt und formuliert werden, welche Bedeutung frühkindliche Bildung hat – nämlich eine immens hohe, weil sie die Entfaltungsmöglichkeiten ein Leben lang beeinflusst. Und dann müssen die Konsequenzen daraus gezogen werden: bessere Personalausstattung für die Kolleginnen und Kollegen (Der Kitaausbau kann zum Jobmotor werden!), höhere Entgelte, die das gewachsene Anforderungsprofil abbilden, und mehr Aufstiegs- und Spezialisierungsmöglichkeiten, etwa in Richtung Sprachförderung, Inklusion und Beratung. Im Sinne der Nachwuchsgewinnung sollte die Ausbildung besser gestaltet werden. Soziale Berufe müssen ingesamt aufgewertet werden und es gilt, Schule und Praxis besser zu verzahnen. Nicht zuletzt sollte es noch selbstverständlicher werden, dass auch Männer den Beruf erlernen. Inspirierend könnte ein Blick nach Frankreich und Schweden wirken: Dort ist die öffentliche Kinderbetreuung sehr gut ausgebaut, die Erzieherinnen und Erzieher sind exzellent ausgebildet und werden auch entsprechend bezahlt: Ihr Gehalt orientiert sich an dem von Lehrerinnen und Lehrern.

Was jetzt zu tun ist

Die deutsche Wirtschaft ist stark wie lange nicht, das Bruttoinlandsprodukt ist 2017 kräftig gewachsen. Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung verzeichnen den höchsten Etatüberschuss seit der Wiedervereinigung, zusammen 38 Milliarden Euro. Dies muss sich endlich auch in höheren Entgelten und besseren Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen und Erzieher niederschlagen!

Die aktuellen Zahlen zum künftigen Bedarf und die Anforderungen an gute Arbeitsbedingungen machen heute schon deutlich, dass jährlich einige Milliarden mehr gebraucht werden.

Höchste Priorität hat die Schaffung guter Arbeitsbedingungen. Das bedeutet vor allem, den Personalmangel zu beheben. Es müssen Ausbildungskapazitäten ausgebaut und Kolleginnen und Kollegen eingestellt werden, und zwar nach Tarif bezahlt und nicht sachgrundlos befristet oder in unfreiwilliger Teilzeit.

Außerdem brauchen wir einen verbindlichen und gleichen Betreuungsschlüssel für alle Bundesländer. Es kann nicht sein, dass die Bedingungen regional so unterschiedlich sind – weder für die Kinder noch für die Kolleginnen und Kollegen. Denn weder Bildungs- noch Verdienstchancen dürfen vom Wohnort abhängen!

Was ver.di gemeinsam mit den Mitgliedern tun kann

ver.di arbeitet auf politischer Ebene an der Verbesserung des Betreuungsschlüssels und macht den Parteien Druck in Sachen Arbeits- und Gesundheitsschutz von Erzieherinnen und Erziehern. Wir haben Forderungen zu den gebotenen Rahmenbedingungen als Grundlage für gute Arbeit formuliert.

Wir geben Broschüren zum Thema heraus („Verwirklichung von Kinderrechten“ steht im ver.di-Mitgliedernetz als Download zur Verfügung) und veranstalten gewerkschaftspolitische Seminare für die Beschäftigten (z. B. Sozial- und Erziehungsdienst vom 14.–16. November 2018 in Berlin).

Auf der tariflichen Ebene wird ver.di auch in Zukunft für eine nachhaltige Aufwertung der sozialen Berufe streiten. Uns geht es dabei um deutlich mehr Lohn, aber auch um die gesellschaftliche Anerkennung, die die Beschäftigten in den Kitas verdienen. Mit unserer großen Aufwertungskampagne sorgen wir dafür, dass das Thema im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit bleibt. Und natürlich sitzen wir am Verhandlungstisch, wenn es in der nächsten Tarifrunde darum geht, den Arbeitgebern Zugeständnisse abzuringen – und organisieren Protest und Streik, wenn das nicht in ausreichendem Maße gelingt.

Was wir schon erreicht haben – und wie es weitergeht

Die Tarifrunde 2016 hat eine gestufte Entgelterhöhung gebracht: Zum 1.3.2016 wurden die Entgelte um 2,4 Prozent, zum 1.2.2017 um weitere 2,35 Prozent erhöht. Die Entgelte für Praktikantinnen und Praktikanten wurden in zwei Stufen um insgesamt 65 Euro erhöht.

Weiter ist es ver.di gelungen, die von den Arbeitgebern eingebrachte Kürzung der Leistungen der Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst (Betriebsrente) abzuwehren. Beispiel: Eine Erzieherin/ ein Erzieher im Alter von 43 Jahren, seit 19 Jahren im öffentlichen Dienst beschäftigt, hat bei Renteneintritt mit 67 Jahren neben der gesetzlichen Rente einen Anspruch aus der Zusatzversorgung in Höhe von circa 700 Euro.

Auch von der Tarifrunde 2018 profitieren wieder all jene Erzieherinnen und Erzieher, für die der TVöD gilt, die also in einer Kita beschäftigt sind, die von einem kommunalen Träger betrieben wird. Für Kolleginnen und Kollegen, die in einer Kita eines kirchlichen Trägers oder eines Wohlfahrtsverbands beschäftigt sind, gelten abweichende Regelungen – es sei denn, es wird eine Anwendungsvereinbarung geschlossen. Genau dafür machen wir uns ebenfalls stark.

Nicht alle Kolleginnen und Kollegen waren zufrieden mit der Annahme des Ergebnisses in der letzten „echten“ Aufwertungs-Tarifrunde 2015 – und natürlich haben wir damals bei der Neugestaltung der Entgeltstufen nicht alles durchsetzen können, was wir uns vorgenommen hatten. Aber wir bleiben dran und nehmen bereits jetzt die Aufwertungsrunde 2020 in den Blick. Hier muss nach 2009 und 2015 der nächste große Schritt getan werden – und dafür brauchen wir Sie als Mitglied!

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